Faul und feige (28)

An den folgenden Tagen richteten wir uns einigermaßen in unserem Quartierort Lacziska ein. Ich fand in einem Häuschen ein sauberes Bett und für die Bagage einen geräumigen Hof mit großer Scheune, wo ich auch die Weihnachtsfeier halten wollte. Schön hätte ich mit der ganzen Kompanie am Lichterbaum singen können, denn Lichter hatten wir von Chruslin und eine schöne Fichte ließ ich auf den Wegen von und zum Schanzen am südlichen Weichselufer bei Bieniwo Janucew mitbringen.
Jedenfalls hatten wir einige Tage ruhiges Leben, nur Gräben auf dem Weichselufer ausheben und Verhau fertigen.
Am 22. 12. 14 Uhr mußte meine Kompanie und die des Oberleutnants Herr nach Ruski, um dort die zwei österreichischen 30,5 cm Mörser zu sichern. Es ging den schlechten Weg, den wir durch das Wiesengelände gekommen waren, zurück bis zu dem Schloß Gizyce und dann auf der Chaussee. Diese hatte zwar festen Grund, aber mehr als 25 cm war sie mit zähem Straßenschlamm bedeckt. Einem Mann fiel aus Versehen das Gewehr zu Boden, in der Schlammsuppe konnte er es nicht mehr finden. Auch der Futtersack, der sich von meinem Sattel gelöst hatte, ging auf gleiche Weise verloren. Als wir uns Ruski gegen Nachmittag näherten, kamen uns die Österreicher mit ihren goldenen Säbeltroddeln entgegen. Sie gingen, wie sie Lust hatten neben der Chaussee einigermaßen trocken. Für sie war der Tagesdienst beendet, sie zogen zur Menage nach Schloß Gizyce. Wir aber mußten in einer zugigen Scheune in Ruski, noch dazu auf stachelichem Gerstenstroh die Nacht kampieren, bei schlechter Verpflegung.
Oberleutnant Herr schlief selbstverständlich im Herrenhaus, wo für mich als Offiziersstellvertreter kein Platz war. Ich habe mich auch nicht darum bemüht.
Mit Oberleutnant Herr habe ich mich auch nie gut gestanden, auch sonst keiner der Kameraden. Er war von Beruf Rechtsanwalt und Notar in Dömitz an der Elbe, grämte sich offenbar, daß die Praxis im Kriege nichts einbrachte und war furchtbar neidisch und mißgünstig.
Daß ich vor ihm das EK I bekommen habe, hat ihn sehr gekränkt. Für die Kämpfe bei Kamien bekam er dann auch das EK I und dann noch das Mecklenburgische Kreuz I. Klasse. Er war ein tapferer Soldat, ist auch beim Angriff auf Huta am 20. 9. 1915 gefallen.
Am anderen Morgen auf den gleichen Wegen zurück. Die österreichischen Batterien waren nicht gefährdet worden, die hatten nur Angst, obwohl sie etwa 15 km hinter der Front standen. Da aber vorn deutsche Truppen waren, war jede Besorgnis zwecklos. Vielleicht dachten sie, die deutsche Truppe risse so aus wie die Österreicher.
Die zwei 30,5 cm Geschütze haben im ganzen zwei Schüsse abgegeben, aber auch nichts getroffen. Der eine Schuß ging in die Weichsel bei Wyszogrod, und der andere hinter das russische Stabsquartier von Brochow, wo ein Erdloch entstand.
Überhaupt war die Achtung der deutschen Truppen vor den k.u.k. Bundesbrüdern recht gering. Erst kam bei denen die Menage und die Bagage. Alles andere war nichts wert. Faul und feige, aber die große Fresse.
Wie gesagt, wir hofften Weihnachten in unseren Quartieren in Lacziska erleben zu können, aber wie immer beim preußischen Militär, es kam anders.


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